12 Apr Die Kunst des Hörens

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Jeder Mensch schätzt es, wenn man ihm zuhört. Wenn da wirklich Interesse an dem ist, was ihn bewegt. Und Verweilen. Und Offenheit.

Das tut gut. Da entspannt etwas. Wir fühlen uns leichter. Währenddessen und hinterher.

Beinahe alle Menschen lieben es, gehört zu werden.

Das wirkliche Zuhören jedoch scheint nur wenigen Menschen möglich oder gar eine Freude zu sein.

Ein weiser Gelehrter (Krishnamurti, USA 1966) schreibt dazu:

„Wir hören entweder mit Vergnügen oder mit Abneigung zu. Wir vergleichen das Gehörte mit unseren Ideen oder anerzogenen Philosophien.

Wir hören durch all diese Filter, wir interpretieren und übersetzen, wir verwerfen das, was uns nicht gefällt, und nehmen an, was uns zusagt.

Und so hören wir niemals wirklich zu.“

Was aber hindert uns, wirklich zuzuhören? Was steht im Weg?

Dafür gibt es viele Gründe:

1 Die Technologie verändert die Strukturen und Funktionen in unserem Gehirn.

2 Wir sind gut darin, vor einem Bildschirm aufmerksam zu sein. Wir werden schlechter und ungeübter darin, tief in einen Austausch zu gehen.

2 Die ganze Welt wir schneller und lauter, was es schwieriger macht, aufmerksam zu sein.

3 Unbewusste Muster und Konditionierungen in uns erschweren oder verhindern eine aufmerksame Konversation

4 Wir haben alle eine nicht ablassende Gewohnheit, etwas zu wollen. Wir haben eine Agenda. Sie verhindert, dass wir uns mit Offenheit begegnen können.

5 Widerstand schränkt Aufmerksamkeit ein.

6 Wir sorgen uns, nicht genug Zeit zu haben. Die meiste Zeit, die wir etwas tun, denken wir: wir sollten etwas anderes tun.

7 Wir haben Blockaden, darunter die Angst, verurteilt zu werden. Wir glauben, wir sind nicht gut genug, so, wie wir sind.

8 Wenn da Bewertungen sind, oder das Gefühl verurteilt zu werden, versuchen wir, das Gespräch zu kontrollieren. Wir steigen in gewisser Weise innerlich aus.

Was uns hindert, wirklich zuzuhören und anwesend zu sein, hat nichts mit der Person zu tun, mit der wir sprechen.

Wir selbst sind die Ursache.

Und es lohnt sich, zu fragen: was sind meine Muster? Wie gehe ich in ein Gespräch? Wie lasse ich mich ein? Oder nicht ein?

Was steht zwischen mir und dem Hören mit einem wachen Herzen?

Wenn ich in ein Gespräch einsteige: Will ich etwas? Habe ich einen Plan?

Will ich, dass die Person sich verändert?

Will ich Bestätigung? Will ich gut aussehen? Will ich Recht haben?

Will ich so aussehen, als wüsste ich viel, als sei ich besonders klug?

Ist da etwas, wovor ich Angst habe? Vielleicht, bewertet oder verurteilt zu werden?

Kontrolliere ich meine Erfahrung? Um nicht zu fühlen?

Zuerst müssen wir wahrnehmen, was uns abhält, wirklich hinzuhören.

Das chinesische Schriftzeichen für Hören beinhaltet Augen und Ohren, aufnehmen mit ungeteilter Aufmerksamkeit und ganzem Herzen.

Das können wir üben. Was hilft fürs erste:

– Absichtsvoll zuhören. Vollständiger zuzuhören. Das macht einen großen Unterschied.

– Es hilft, einen Anker zu haben: den Körper, meine Hände. Den Atem. Zu diesem Anker immer wieder zurückkehren, wenn die Aufmerksamkeit abdriftet.

– Eine Qualität von Interesse: wirklich verstehen wollen. Hinter die Worte lauschen. Wer ist da?

Zuhören heilt, weckt uns auf und ist ein Geschenk für die, mit denen wir zusammen sind.

Thich Nhat Hanh sagt:

„Tiefes Hören ist die Art zu hören, die helfen kann, das Leiden einer anderen Person zu lindern. Man kann das auch mitfühlendes Hören nennen.

Wir hören mit nur einer Absicht: ihm oder ihr zu helfen, das Herz zu leeren.

Selbst wenn er Dinge sagt, die voll sind mit falschen Wahrnehmungen, voll von Bitterkeit, bist du weiter fähig zuzuhören, mit Mitgefühl.

Denn du weißt: indem du so zuhörst, gibst du der Person die Chance, weniger zu leiden.

Wenn du möchtest, dass sie ihre Wahrnehmung verändert, kannst du auf eine andere Gelegenheit warten.

Jetzt unterbrichst du nicht. Du argumentierst nicht.
Du hörst in der Weise, in dieser einen Weise, mit der Absicht: ihm oder ihr zu helfen, das Herz zu leeren.“

Wir haben evolutionsgeschichtlich viel Zeit damit verbracht, gestresst und reaktiv in der Welt zu sein.

Das kommt von dem Teil des Gehirns, den wir Reptiliengehirn nennen. Der Bereich, der nach dem greift, was begehrt wird und vermeidet, was ängstigt.

Ein vor nicht so langer Zeit entwickelter Teil des Gehirns jedoch, der präfrontale Kortex, befähigt, innezuhalten.

Wahrzunehmen, was gerade geschieht.

Unsere eigenen Betroffenheiten zur Seite zu stellen. Umeinander zu sorgen, und uns füreinander zu interessieren.

Dieser Teil ist pro sozial. Er hilft uns, zu kooperieren. Gemeinsam etwas zu kreieren. Dadurch haben wir eine größere kollektive Intelligenz.

Er hilft uns, in einer guten Weise zusammen zu leben.

Das spielt eine entscheidende Rolle in Gemeinschaften, in Gesellschaften. Zwischen Kulturen, Nationen und Kontinenten.

Wirklich zuhören ist die einzige Möglichkeit, den Krieg zu stoppen.

Nur so können wir uns verbinden und einander verstehen lernen. Durch tiefes Zuhören.

Zuhören kann so viele Jahrzehnte von Missverstehen heilen.

Ein 10 jähriger Junge, Nick Penna, dichtet:

„Wenn du hinhörst, gelangst du in dunkle Ecken und ziehst deine Wunder hervor.
Wenn du zuhörst, gehen deine Ideen ein und aus,
wie, als würden sie Schlange stehen.

Es sind nicht immer deine Ohren, die hören.
Es kann dein Verstand sein, deine Finger, deine Zehen.

Du hörst sowieso. Auch wo dein Geist nicht hingehen will.

Wenn du zuhören kannst, kannst du Antworten auf Fragen finden,
von denen du nichts wusstest.

Wenn du zugehört hast, wirklich hingehört, dann bist du nicht mehr alleine.“

Hörende Präsenz vermittelt uns ein Gefühl, dazu zu gehören. Nicht mehr alleine zu sein.

Und sie arbeitet gegen sehr starke Konditionierungen. Der, dass wir nicht genug Zeit haben. Oder Dinge kontrollieren wollen. Oder wir sind darauf aus, etwas zu bekommen.

Henry David Thoreau: „Das größte Kompliment, das ich jemals erhalten habe, war, als jemand mich fragte, was ich denke, und dann aufmerksam auf meine Antwort hörte.“

Tief und achtsam hören – was hilft:

Wirklich anwesend sein. Den eigenen Körper fühlen. Hören nicht nur mit den Ohren, mit allen Sinnen. Und ganzem Herzen.

Geräusche in der Umgebung hören. Die Stille hören.

Entspannen.

Bewusst und natürlich atmen.

Nicht versuchen, etwas richtig zu machen oder ein Ziel zu erreichen.

Hinhören, ohne Agenda, auf das, was gesagt wird.

Wenn eigene Worte auftauchen oder Gedanken:
bemerken, sie weiterziehen lassen und freundlich zu dem Sprechenden zurückkehren.

Wenn Antworten entstehen: sie im Hinterkopf parken. Warten, bis alles gesagt ist.
Dann erst antworten.

Darauf achten, dass die eigene Geschichte die des Gegenübers nicht überlagert.

Davon ausgehen: ich weiß nichts.

Neugierig sein und bleiben – was geschieht im Augenblick?

Gefühlen und Worten lauschen, hinter die Worte lauschen, in die Stille hören.

Offen und engagiert: hören und verstehen wollen, wer dieser Mensch ist.

Jemand sagte einmal:

Wirklich hören heißt, sich hineinlehnen, sanft, mit der Bereitschaft, verändert zu werden durch das, was gesagt wird.

Und wenn wir sprechen und wir bemerken, dass das Gegenüber nicht aufmerksam ist:
geduldig sein.

“It may simply be that he has a small piece of fluff in his ear.” (es kann einfach sein, dass er einen kleinen Flusen in seinem Ohr hat) – Winnie the Pooh

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Mein Name ist Brigitte Gerber und ich unterstütze Menschen darin, trotz der Herausforderungen des persönlichen und beruflichen Alltags, tiefe innere Ruhe und Gelassenheit zu erlangen. Darüber hinaus begleite ich Menschen in besonderen Situationen. Meine Leidenschaft ist die Praxis der Achtsamkeit. Früher war ich mal Pfarrerin in der Evangelischen Kirche.

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