15 Mrz Die stille Revolution

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Die junge Frau begrüßt mich strahlend an der Wohnungstür: „Ja, ja, es geht mir ziemlich gut. Mein Leben ist auf einem guten Weg. Ich habe schon die Wohnung geputzt. Mich heute morgen nicht mit meinen Kindern gestritten. Und meine Anträge ausgefüllt und erledigt.“

Ich strahle zurück. Freue mich mit ihr. Denn: das war lange ganz anders. Seit einigen Jahren begleite ich sie.

Dramatische Lebenssituation, die diese Begleitung nötig machte:
Extrem schwierige Biographie. Kein Job. Sich wiederholende Eskalationen in der Beziehung. Der Alltag ein Chaos.

Hoffnungslosigkeit in Bezug auf alles. Immer wieder. Große Ängste als Mutter, nicht gut genug zu sein. Sehr verstrickt in konfliktreichen Kontakten. Heftige emotionale Ausbrüche. Und das klare Gefühl, so geht es nicht weiter. So kann sie nicht leben.

Seit 2 Jahren ist sie auf dem Weg der Achtsamkeit. Lernt, in einer Gruppe ihr Leben zu reflektieren. Anzunehmen, was sie geprägt hat. Auch das Leid anzunehmen, langsam. Zunehmend. Zu sehen, wie sie alte Verhaltensmuster wiederholt. Die überholt sind. Längst. Anzuerkennen, dass es so ist und wie sie ist. Neues auszuprobieren.

Keiner hätte gedacht, dass das möglich ist. Am wenigsten sie selbst.

Sie erlebt Rückschläge und steht wieder auf. Geht weiter. Lässt sich ermutigen. Holt sich Hilfe. Wird kontaktfreudiger und klarer. Räumt auf, in den Beziehungen, in ihrem Leben. Zeigt sich auch mit ihren Schwierigkeiten.

Sie lacht viel mehr. Jetzt auch über sich selbst, immer öfter. Was die Leute denken, ist fast kein Thema mehr. Ängste sind der Zuversicht gewichen. Sie spürt, immer öfter: sie ist eine gute Mutter.

Nur noch eine kleine Weile, dann wird sie alleine weitergehen. Ohne die Gruppe, ohne mich. Selbst-bewusst und stabil und wach. Engagiert für ihr Leben, für das ihrer Kinder, für ihr soziales Umfeld. Das Herz auf dem rechten Fleck, angekommen in ihrem Leben, wie sie es will. Selbstbestimmt. Verantwortlich.

Sie ist kein Einzelfall. Immer häufiger erlebe und begegne ich Menschen, die durch den Weg der Achtsamkeit ihr Leben grundlegend verändert haben. In Richtung mehr Freiheit und Selbstbestimmung und Wohlbefinden und Gesundheit.

Wenn das Leid sich zuspitzt und hingesehen wird, öffnet sich ein Raum.

Alte destruktive Verhaltensmuster und Einstellungen kommen ans Tageslicht, brechen auf und rütteln alles durcheinander. Eskalieren unter Umständen. Fordern loszulassen.

Viele Bemühungen, mit alten Methoden Lösungen zu finden, scheitern. Aber der Raum, der sich geöffnet hat, das Sehen selbst, bringt die guten Kräfte auf den Plan.

Etwas bahnbrechend Neues geschieht. Weltweit.

Auch die Welt verändert sich. Grundlegend. An allen Ecken und Enden kriselt es. Langjährige lebensfeindliche und menschenverachtende Machtverhältnisse spitzen sich zu.

Festgefahrene Strukturen brechen auf. Ausgesendete Gewalt oder Gewaltmittel fallen auf die Sender zurück. Was Leben hindert oder zerstört, ist offensichtlich, sichtbar.

Es ist, als ob eine stille Kraft alles nach oben spült, was dem Leben auf dieser Erde und in der Atmosphäre entgegenwirkt. Nicht zuletzt die Medien, die weltweite Vernetzung, Globalisierung tragen maßgeblich dazu bei.

Ein Wandel ist im Gange, der mit mehr Bewusstsein einhergeht. Und mit mehr Einsatz für und Liebe zum Leben.

Mit der Einsicht: wenn es so wie bis jetzt weitergeht, zerstören wir uns selbst und das Leben auf diesem Planeten. So können wir nicht weiter machen. Nicht weiterleben.

Diese Erkenntnis sickert immer mehr in die Köpfe und Herzen. Im persönlichen Leben.

Und auch in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Bildung und Erziehung. Noch ist es ein leiser Prozess, der da geschieht.

Noch scheinen die destruktiven Kräfte mehr Macht zu haben. Triggern diese unsere Ängste und Unsicherheit. Verstärken sie. Halten uns gefangen in alten Verhaltensmustern, in denen Gewalt mit Gegengewalt begegnet wird. Noch bestimmen die Negativschlagzeilen die Berichterstattung und schaukeln sich gegenseitig hoch.

Die Bereitschaft, hinzuschauen, nimmt zu. Zu reflektieren, wie wir mit uns selbst umgehen.

Und mit dem Leben auf dem Planeten Erde. Die Entschlossenheit wird kraftvoller, so nicht weiter zu agieren. Überall. Um nur ein paar Beispiele von inzwischen Unzähligen zu nennen:

1. In der Politik:

Am 20. Oktober 2015 hat Großbritannien in dem Mindful Nation UK Report on Mental Health in Public Policy erklärt, eine achtsame Nation zu werden. Das ist das erste Mal, dass Achtsamkeit ernsthaft von einem westlichen Parlament als eine Basis für nationale Politik angesehen wird.

Bereits 1992 überraschte Präsident Joachim Chissano von Mosambique die Welt: nach dem Ende des Bürgerkrieges mit 15 Jahren Verwüstung und einer Milllion Todesopfern, setzte er auf Empathie, Kompromisse und Kooperation mit den Rebellen. Grundlage war seine eigene Meditationspraxis. Als er die Wahl gewann, verpflichtete er alle militärischen und polizeilichen Bediensteten zu 2 mal täglich 20 Minuten Meditation.

Er sagte: ‘Das Ergebnis war politischer Frieden und Gleichgewicht in der Natur in meinem Land. Die Kultur des Krieges musste durch eine Kultur des Friedens ersetzt werden. Zu diesem Zweck muss etwas tiefer in Geist und Bewusstsein verändert werden, um die Wiederholung des Krieges zu verhindern.’

2. In der Wirtschaft:

Wirtschaftsexperten haben sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein neues Thema auf die Fahne geschrieben: Achtsamkeit. Seinen Geist der Güte zu öffnen und sich in humanitären Projekten zu engagieren, ist aus ihrer Sicht eine Win-win-Situation, die auch für die moderne Wirtschaft keine Utopie bleiben soll. Ein Reporter berichtet:

Die Veranstaltungen sind übervoll zu dem Thema Achtsamkeit.

Inzwischen hat die Praxis von Achtsamkeit Firmen wie Google und Twitter, traditionelle Automobil- und Energieunternehmen, verstaatlichte Unternehmen in China, UN-Organisationen, Regierungen und sogar die Weltbank erreicht.

Immer mehr Wirtschaftsunternehmen öffnen sich für ein Umdenken. Integrieren Achtsamkeitsprogramme zur Schulung der Führung und der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in ihr Unternehmenskonzept.

3. In der Bildung

Neue Schulkonzepte werden diskutiert, entwickelt, ausprobiert, die eine achtsame Bildungskultur ermöglichen können.

Konzepte, in denen die Kinder in den Mittelpunkt gerückt werden. Hin zu einer Lernkultur der Potentialentfaltung. Der Göttinger Neurobiologe Professor Dr. Gerald Hüther steht maßgeblich für diese Entwicklung (http://schule-im-aufbruch.de/ )

Es gibt inzwischen Schulen in der Schweiz, Österreich und Deutschland, denen es bereits gelungen ist, eine Lern- und Beziehungskultur aufzubauen, die eine optimale Entfaltung der in den Schülern angelegten besonderen Talente und Begabungen fördern.
( http://www.schulen-der-zukunft.org/ )

Wer gesehen wird, lernt sehen.

Im Februar-newsletter schreibt die ESBZ (Evangelische Schule Berlin Zentrum):
Von Anfang an war es erklärtes Ziel unserer Schule, sich den Entwicklungen auf unserem Planeten zu stellen, einen aktiven Beitrag für zukunftsträchtige Entwicklungen zu leisten. Wie können die erklärten Ziele der Pariser Klimakonferenz, die Global Goals, Bestandteil unserer Bildung, unseres Handelns werden?

4. In der Gesellschaft

Matthias Horx (Zukunftsforscher: Dieser Trend wird Deutschland verändern -): Jetzt entwickelt sich eine echte Bewegung zur Achtsamkeit – oder „Mindfulness“ auf Englisch. Das ist der Trendbegriff der kommenden Jahre. In einer überreizten und übervernetzten Welt versuchen immer mehr Menschen, ihre eigene mentale Souveränität wieder herzustellen.

Achtsamkeits-Menschen steigen aus dem Panik- und Paranoia-Diskurs aus.

Sie wenden sich wieder den menschlichen Beziehungen zu.

Sie sind achtsam nicht nur der Welt und den Mitmenschen gegenüber, sondern auch den eigenen Gefühlen gegenüber. Sie lernen, ihre innere Angst vor der Zukunft zu moderieren. Sie verstehen, wie ihr Selbst mit der Welt zusammenhängt.

5. In Wissenschaft und Forschung

Wissenschaftliche Studien untermauern die Fähigkeit des Menschen, sich zu verändern in Richtung lebensförderliche, friedvollere Handlungen.

Forschungen und Erkenntnisse über Neuroplastizität bestätigen, dass wir uns zum Guten verändern können. Bis zum letzten Atemzug ist das möglich.

Die Epigenetik beweist: Wir haben Einfluss auf die Genexpression in den Chromsomen, die zB für Krebs und Entzündungen verantwortlich sind – durch Achtsamkeitsmeditation.

Achtsamkeit und Wohlbefinden können erlernt werden.

„Alles, was die Gehirnforschung heute weiß, indiziert, dass es nicht anders ist, als Geige zu lernen. Wenn Sie täglich üben, werden Sie besser.“ So Richard Davidson, einer der bekanntesten Neurowissenschaftler unserer Zeit.

Die stille Revolution der Achtsamkeit verändert die Welt. Und uns Menschen. Sie ist ein folgerichtiger Schritt der Evolution des Menschen. Die Zeit ist reif dafür.

Wir beginnen, unser volles Potential als Mensch zunehmend zu erkennen und zu nutzen, das in uns angelegt ist.

Nämlich die Fähigkeit, das Gute zu wollen und zu verfolgen. Die Fähigkeit, aufmerksam zu sein und dem Leben zu dienen. Zu unserem Wohl. Zum Wohle aller. Für das Wohl der gesamten bewohnten Erde und des Weltraums.

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Mein Name ist Brigitte Gerber und ich unterstütze Menschen darin, trotz der Herausforderungen des persönlichen und beruflichen Alltags, tiefe innere Ruhe und Gelassenheit zu erlangen. Darüber hinaus begleite ich Menschen in besonderen Situationen. Meine Leidenschaft ist die Praxis der Achtsamkeit. Früher war ich mal Pfarrerin in der Evangelischen Kirche.

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