Mein Weg – Von der Pfarrerin zur Achtsamkeitstrainerin

Seit vielen Jahren sind es drei Dinge, die mir wirklich wichtig sind, und die mich durch alle Höhen und Tiefen hindurch immer wieder motiviert haben:

1. Die begrenzte Lebenszeit nutzen

Das Anliegen, die im Alltag schnell vorbeirauschende begrenzte und geschenkte Lebenszeit zuversichtlich und mit mehr Intensität zu leben, so dass ich am Ende sagen kann: „Ich habe mein Leben so gestaltet, wie es mir entsprach und ich bin im Frieden damit.“.

2. Mich für die Gemeinschaft einsetzen

Das Bedürfnis, etwas wirklich Sinn- und Wertvolles für andere Menschen beizutragen.

3. Unabhängig sein

Der Wunsch, freier von gesellschaftlichen Zwängen und Abhängigkeiten zu sein, freier von unnötigem Kummer, freier, mehr das zu tun, was ich liebe und Menschen zu begegnen, die ähnlich unterwegs sind.

Die Sehnsucht nach diesen 3 Zielen hat mich zunächst in das Theologiestudium und in die Evangelische Kirche geführt. Ich wollte „mit Gott und den Menschen zu tun haben“ (jedenfalls mit dem, was ich damals von Gott dachte) und etwas Gutes bewirken. Wahrscheinlich habe ich das auch. „Tränen sagen Danke“ war die Überschrift in dem Artikel einer lokalen Tageszeitung nach meinem Abschiedsgottesdienst. Die wertschätzenden Worte, die Tränen des Abschieds, das alles berührte mich, dennoch stand für mich fest:

Mein Weg geht raus aus der Institution Kirche

In 7 Jahren kirchlichem „Dienst“ wurde mir klar, dass dieser Ort nicht mein Platz ist. Je mehr ich mich um die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen bemühte, desto stärker kam ich mit der Institution Kirche in Konflikt.

Eine Religion und Moral, die in ihrer Glaubensvermittlung weit von den Bedürfnissen und Nöten der Menschen entfernt ist, konnte und wollte ich nicht weiter mittragen. Es hat mich innerlich zerrissen. Mein Körper fing an, sich zu wehren und deutlich Signale zu senden. Ich musste eine Entscheidung treffen. Stimmen von außen meldeten sich, wie: Du kannst deine gut bezahlte und sichere Existenz als Pfarrerin nicht einfach so aufgeben. Es ist Leichtsinn, auf den Beamtenstatus und eine gute Pension im Alter zu verzichten.

Ich lies mich nicht beirren.

Ich hörte auf die Stimme meines Herzens

Ich wollte nicht von einer Institution vereinnahmt und bevormundet werden. Mein innerer Antrieb war, ein tieferes Verständnis von Mensch sein in der Welt zu gewinnen. Und: etwas Sinnvolles und Hilfreiches dazu beizutragen.

Mein Herz führte mich klar in die Stadt, die ich schon vor meiner Kirchenzeit sehr liebte, Berlin, wo ich studiert hatte: und hier direkt auf das ZEN-Kissen. Ich begann ambitioniert zu meditieren. Eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Es war wie ein „nach Hause kommen“. Zeitgleich zog eine Yogaschule, die in Deutschland mittlerweile sehr renommierte Yoga Akademie Berlin von Ananda Leone in das Haus, in dem ich wohnte. Ich nahm diese Tatsache als Wink mit dem Zaunpfahl und mit eben solcher Entschlossenheit startete ich mit der Yogapraxis durch. Dann nahm mein Leben die nächste spannende Wendung.

Mit inzwischen über 40 Jahren kam ein Kind in mein Leben – das größte Geschenk und die beste und lehrreichste Schule, die ich bis heute erfahre. Zu keiner Zeit in meinem Leben habe ich mehr gelernt darüber, wie ich selbst einengenden Vorstellungen und Verhaltensmustern folge und diese weitergebe. Und was es heißt, bedingungslos zu lieben.

Beruflicher Neuanfang

Ich lies mich zur Therapeutin ausbilden und begann, im Feld der ambulanten Psychiatrie zu arbeiten: Beratung und Begleitung von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und Nöten. Diese Arbeit ist voller Überraschungen. Sie erfordert eine hohe Flexibilität. Und Demut. Ich lernte viel über Wertschätzung und Geringschätzung von Menschen und Menschsein. Über gesellschaftlichen Druck. Über misslingenden Kontakt in Einrichtungen, Unternehmen, Ämtern und Behörden. Über Unzufriedenheit und unter- bzw. überfordert sein am Arbeitsplatz. Über Entmündigung. Über Krankheit und Gesundheit, sowohl körperlich wie auch geistig und seelisch. Über Macht und Machtmissbrauch, und über Ausgrenzung.

Ein hervorragendes Lernfeld zum Thema Leid in unserer Gesellschaft. Mein Blick hat sich hier weiter vertieft und geschärft, für meine ganz persönlichen Momente von Schmerz, für die Ursachen von Leid, für die der menschlichen Existenz mitgegebene Erfahrung von Getrennt sein und der Sehnsucht nach Liebe, Angenommen sein, Dazugehören.

Eine Begegnung mit Folgen

Im Jahr 2008 lernte ich Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn, den Begründer der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), persönlich kennen. Durch ihn und die Erfahrungen mit dem MBSR-Programm entdeckte ich zum Glück den Aus-Weg und Weisheits-Weg der Achtsamkeit – uralt und hochaktuell – den ich seitdem mit ganzem Herzen, überzeugt und kompromisslos gehe.

In den Achtsamkeits-Trainings selbst erlebte ich von Anfang an, wie sich Anspannung, Alltagssorgen und -druck während nur eines Tages Übung beruhigen und auflösen können. Und wie Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Selbstvertrauen und auch die Fähigkeit und der Mut zu offenherziger und konstruktiverer Kontakt- und Beziehungsgestaltung zunimmt. Fast alle Teilnehmer/innen erfahren mehr Gelassenheit und Klarheit über ihre nächsten Schritte und so etwas wie Frieden. Auf diesem Boden entsteht das Neue, Unbekannte, Kreative und Gute – das hatte ich selbst erfahren.

Zahlreiche Forschungen in den Gebieten der Neurowissenschaften, der Medizin und Psychologie, die diese Wirkungen bestätigen, waren für mich zusätzlich der Beweis, dass dieser Weg stimmt.

In Berührung mit dem Schmerz des Ungelebten

Nach einigen Jahren meldete sich in mir erneut ein Unbehagen. Es war das Gefühl, mit angezogener Handbremse durch mein Leben zu navigieren. Der ausschließliche 1:1 Kontakt füllte mich nicht mehr aus. Etwas in mir drängte nach mehr Einfluss auf die vielen unbefriedigenden und leidvollen Muster und Verhaltensweisen, mit denen ich täglich konfrontiert war. Ich spürte auch:

Nicht gelebtes Leben, nicht gelebte Fähigkeiten haben Auswirkungen auf meine Gesundheit und Wohlbefinden.

Die neue Herausforderung

Als Pfarrerin habe ich gelernt, Gruppen zu leiten und zu begleiten, und das mit Freude. Das griff ich wieder auf: hier und da begann ich, Achtsamkeitstrainings anzubieten.

Dabei öffneten sich mir relativ bald unterschiedliche Betätigungsfelder und Gruppenkonstellationen mit sehr verschiedenen Herausforderungen: im Rahmen von Yogalehrerausbildungen, in einer Bundesbehörde und einem Forschungsinstitut Achtsamkeit zur Stressbewältigung, in der ambulanten psychiatrischen Versorgung für einen besseren Umgang mit seelischen Störungsbildern und Erkrankungen sowie private Angebote für mehr innere Entwicklung, Lebensqualität und Gesundheit.

Auf professionelle Weise den Aspekt des Menschseins, der jedem Menschen qua Geburtsrecht zur Verfügung steht, zu unterstützen, nämlich Achtsamkeit, ist mein Anliegen. Ich möchte Menschen mit dem erreichen, was Kummer und Leid lindern kann und ein selbstbestimmteres Leben ermöglicht.

Wer mit Menschen arbeitet, kann Einfluss nehmen, entweder zum Guten oder zum Schaden. An diesen Schaltstellen erscheint es mir sinnvoll, tätig zu sein.

Angekommen und die Erkenntnis daraus

Ich bin dabei, diesen Platz einzunehmen. Achtsamkeit zu kultivieren und weiterzugeben ist mein Herzensanliegen.

Die 3 wesentlichen Erkenntnisse aus 35 Jahren unterwegs sein:

1. Offen bleiben

Wenn wir uns für neue Wege öffnen, hält das Leben Überraschungen für uns bereit, von denen wir nicht einmal ahnen. Bisweilen fühlen sie sich ungemütlich, auch schmerzvoll an, immer aber bringen sie uns tiefer zu uns selbst und dem, was wir hier tun und was unsere je ganz persönliche Aufgabe ist.

2. Unabhängigkeit ist keine Illusion

Frei sein ist möglich, es bedeutet allerdings, sich die inneren Zwänge, Glaubenssätze, Verhaltensmuster und Konditionierungen anzusehen und sie radikal zu akzeptieren, die uns geprägt haben.

3. Das Leben ist JETZT

Achtsamkeit ist eine Fähigkeit und Qualität, die jeder Mensch in sich trägt. Es geht darum, sie freizulegen und zu nutzen. Sie bindet uns an eine Kraftquelle an, die größer ist als dieses kleine „Ich“. Die Praxis der Achtsamkeit wirkt stresslösend und befreiend und schenkt Klarheit und Gelassenheit. Wertschätzung und respektvoller Umgang in Beziehungen wird möglich. Zufriedenheit, Erfüllung und Freude auch im beruflichen Kontext wird erlebbar. Dieser Moment jetzt ist die beste und einzige Gelegenheit. Es gibt keinen anderen.

Mein Weg geht weiter.

Und vielleicht kreuzen sich die Wege ja irgendwann einmal, Ihrer und meiner.

Bis dahin grüßt Sie herzlich

Brigitte Gerber